Chronologie Sudetenfrage
Eine Chronologie zur Sudetenfrage
(Stand 08.03.2026, von F. Volk)
Böhmen war immer ein Teil Germaniens, auch für Cosmas v. Prag († 1125). Der Landesname geht auf die keltischen Bojer zurück (=Rinderbesitzer , lat. bos=Rind) und übertrug sich später vielleicht auch auf die Markomannen (Starkbaum, S. 16 f.). Die Slawen sind „unbemerkt und einzeln darein geschlichen“ (Krantz). Bis ins 18. Jh. hießen sie Sklaveni, vorher Wenden.
Um 900: Am Hradschin herrschen Wikinger. Das zeigt das 1928 im dritten Burghof freigelegte wikingische Fürstengrab. Es wird dem um 890 verstorbenen „Přemisliden“ Bořivoj (wikingisch Borwieg) zugeschrieben. Vor der Burg liegen etwa 100 weitere Gräber seiner wikingischen Gefolgsleute. Sie „herrschten über Böhmen wie große Fürsten“ (Ludvikovski, Leg. Christiani, 145). Auf Borwieg folgte Wartlieb, tschechisch Wratislav.
1198: Böhmen wird Königreich und ist Teil des Römischen Reiches Deutscher Nation. Von 1355 bis 1378 stellte es mit Karl IV. sogar dessen Kaiser. Die Gründung deutscher Städte in Böhmen erfolgte durch Binnenwanderung, wie Ernst Schwarz an Orten wie Pilsen zeigte.
1400: Johannes von Saaz verfasst den „Ackermann aus Böhmen“. Schon um 1300 wies Böhmen ein „in sich geschlossenes deutsches Schrifttum“ auf. In der Folge fand die neuhochdeutsche Sprache in der kaiserlichen Kanzlei besondere Pflege (statt Latein), so dass „der erste Antrieb zur modernen deutschen Bildung aus dem Sudetenraum“ erging (Nadler, S. VII bzw. 37).
1415 ff.: Die Hussitenkriege dezimieren das Deutschtum, das aber allmählich wieder Fuß fasste, da es nicht möglich war, „gewisse Wirtschaftszweige ohne die Deutschen auf gleicher Höhe weiterzuführen“ (Paul Zidek, Berater König Podĕbrads, 1458-71, Aschenbrenner, S. 48).
1526: Die böhm. Stände wählen den Habsburger Ferdinand I. zu ihrem König. Nach der Umwandlung des Wahl- in ein Erbkönigtum blieben die Habsburger bis 1918 in dieser Stellung.
1618-48: Nach dem „Weißen Berg“ wurde Böhmen rekatholisiert. Die damit verbundene Protestantenvertreibung schwächte das Deutschtum Böhmens bleibend, da ein erheblicher Teil der Abwanderer dem deutschen Bildungsbürgertum angehörte.
1740 ff.: Preußen erobert den größten Teil Schlesiens, wodurch die Deutschen im Habsburger-Reich zur Minderheit wurden.
1817: Der Bibliothekar Vačlav Hanka fälscht die Königinhofer bzw. Grünberger Handschriften, um tschechische Hochkultur im Mittelalter vorzutäuschen.
1848: Die Tschechen bleiben der „Paulskirche“ in Frankfurt fern, um Wien als Gegenkraft zum Ausgreifen Russlands nicht zu schwächen (Absagebrief Palackys v. 11.4.1848). Diese geostrategische Einsicht wurde 1918 beiseitegeschoben.
1866: Nach der Niederlage bei Königgrätz begann Wien in Absprache mit der Kirche die Slawisierung und Katholisierung der deutschen Randgebiete Böhmens, um sie für Preußen „unverdaulich“ zu machen. Deshalb gab es dort so viele tschechische Geistliche.
1877: Das Sudetenland galt als das „Ruhrgebiet“ Österreichs. Daher lag der Sitz der gesamtösterreichischen Sozialdemokratie für drei Jahre in Reichenberg. Die Industrie zog aber auch viele tschechische Arbeitskräfte aus dem Landesinneren an, was zur nationalen Überfremdung führte. Die Deutsche Arbeiterpartei kämpfte daher „Für Scholle, Schule, Arbeitsplatz“.
1863-1879: Die tschechischen Abgeordneten im Wiener Reichsrat stellten (auf Anraten Palackys) für 16 Jahre ihre Mitarbeit ein (Krystlik II, S.291). Derweil setzten vor allem sudetendeutsche Abgeordnete „eine feine Konzeption der deutschen Zivilisation“ durch, so dass „die Polizeiherrschaft einem rechtsstaatlichen Zustand und der Anerkennung der individuellen Rechte wich, einschließlich derer der Juden“ (Elis. Wiskeman b. Jaksch, S. 74).
1914-18: Formierung der tschechischen Legionen, die in Russland den russ. Goldschatz an sich brachten, aber die „Weißen“ im Kampf gegen die Bolschewisten alleine ließen mit üblen Folgen für das 20. Jahrhundert, einschließlich Stalin, Katyn usw. (Sakharow, S. 18).
1918: Benes fand in den Wiener Universitätsakten eine handschriftliche Erklärung Masaryks, dass er (wie s. Mutter) deutscher Nationalität sei. Damit erpresste er diesen, den Plan einer Kantonalordnung für die ČSR fallen zu lassen (Felix Seebauer, Egerländer 1999/5, S. 19).
1919: Das erste Parlament der neuen ČSR war nicht gewählt und bestand nur aus Tschechen und wenigen Slowaken. Dennoch verabschiedete es (meist zu Lasten der ausgeschlossenen Deutschen) die Verfassung, das Sprachengesetz, die Parlamentsordnung, das Bodenreformgesetz usw. Da die Verfassung den Deutschen aufoktroyiert war, blieb sie für diese unverbindlich.
1919 (4. März): Der Sozialdemokrat Seliger rief zu einer landesweiten Demonstration für das von Wilson versprochene Selbstbestimmungsrecht auf. Sie wurde in einer konzertierten Aktion blutig niedergeschlagen und kostete 54 Sudetendeutsche in acht Städten das Leben.
1919 (10. Sept.): Der Vertrag von St. Germain wird unterzeichnet. Ihm lag das lügenhafte Memoire III Beness zugrunde. Um das zu verschleiern, erließ Prag 1923 ein Forschungsverbot über die Entstehungsgeschichte des eigenen Staates (Abs. II, § 14)!! „Geschützt“ wurden damit auch die gefälschten Beitrittserklärungen der Slowaken zur ČSR (Zarnow, passim).
1919-1938: Die ČSR war wegen der „gebundenen Mandate“ nur eine „Scheindemokratie“ (Prokop Drtina, Memoiren). Eine endlose Reihe schikanöser Gesetze führte zur „rücksichtslosen Unterdrückung“ der Deutschen (Hayek, S.118). In den Kommunen wurde der letzte Rest an Selbstbestimmung auf dem Verordnungsweg beseitigt, so dass nach der „horizontalen“ auch die „vertikale“ Gewaltenteilung erlosch (Dewitz, S. 40).
1925 (5.-16.Okt.): In Locarno lehnt England (mit Deutschland) eine Bestätigung der deutschen Ostgrenzen ab. Schon im Juli 1925 hatte sich Stresemann in einer geheimen Vorkonferenz mit Benes im Grenzort Ploschkowik geweigert, die Grenze zur ČSR zu garantieren (Jaworski, S. 138). In München 1938 machte Hitler eine Grenzgarantie abhängig von der Lösung der Minderheitenfrage mit den Polen und Slowaken in der Rest-ČSR, die aber nie kam.
1933 (31. März): Prag und Paris einigen sich insgeheim auf den Boykott der Revisionsartikel der Verträge von Versailles und St. Germain (jeweils Art. 19), da sie Deutschland in eine „moralisch vorteilhafte Lage“ brächten (Osusky, b. Berber, S. 23).
1933 (01. Okt.): Henlein gründet die Sudetendeutsche Heimatfront (SdH). Ihr Ziel war eine innerstaatliche Lösung mit größerer Autonomie für die Sudetendeutschen (Kantonalordnung? Mährischer Ausgleich?). Das lehnte nicht nur Benes, sondern auch Hitler ab. Dieser warf Henlein vor, die Sudetendeutschen „verschweizern“, d.h. vom deutschen Volkskörper abtrennen zu wollen. Da Henlein zu populär war, bekämpfte man nur dessen engste Mitarbeiter (Heinz Rutha, Dr. Walter Brand, letzterer KZ bis1945). Dennoch vertrat Henlein gegenüber Runciman noch am 18.8.1938 die innerstaatliche Lösung.
1935: Nach dem Vertrag mit der UdSSR entwickelt sich die ČSR zu einem kommunistischen Stützpunkt, was „dem Westen“ später die Annahme des Münchner Abkommend erleichterte.
1937 (19. Nov.): Lord Halifax besucht Hitler am Obersalzberg und legt dar, dass Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus benötigt werde und freie Hand gegen Österreich, ČSR und Danzig hätte, sofern Krieg vermieden werde (Quigley. S. 275).
1938 (20. Mai): Benes ordnet eine unprovozierte Teilmobilmachung an. Dahinter steckte Churchill, der es „ausdrücklich vorzog“, dass Benes selbst einen Krieg „hervorriefe“, weil Deutschlands Kriegsbereitschaft bei nur 1:50 läge (Kral, S. 117). Diese Mobilmachung hob die Sudetenfrage auf die internationale Ebene, wo Henleins Stimme nicht mehr viel zählte. Die sudetendeutschen Massen erhofften sich „vom Reich“ Linderung ihrer materiellen Not, denn sie stellten bei einem Bevölkerungsanteil von 23 Prozent 75 Prozent der Arbeitslosen.
1938 (15. – 21. Sept.): Lord Runciman empfiehlt am 15.9. den sofortigen Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland. Am 19. 9.1938 forderten daher Frankreich und England von Prag ultimativ die Abtretung des Sudetenlandes. Diese Zuspitzung war die Folge des tschechisch-französi-schen Komplotts gegen den Revisionsartikels 19 im Vertrag von St. Germain (sh. 31.3.1933!), was Nev. Chamberlain am 28.09.1938 im britischen Unterhaus auch zur Sprache brachte (Bosl, S.262). Die ČSR akzeptierte die später so genannte „Prager Abtretung“ am 21.9.1938 unter Protest. Zum Verwirrspiel gehört der Necas-Geheimbrief, mit dem Benes das Ultimatum quasi selbst bestellt hatte, um seinem Volke eine Nötigung vorzutäuschen. Stalin wusste von diesem Brief und erpresste Benes damit.
1938 (29. Sept.): Deutschland und Italien treten der „Prager Abtretung“ bei, was man von da an Münchner Abkommen (MA) nennt.
1938 (1.-10-Okt.: Das Sudetenland wird in vier Etappen dem Reich angeschlossen.
1942: England sagt sich vom Münchner Abkommen los, stellt 1973 aber klar, 1938 keinen von Anfang an ungültigen Vertrag unterzeichnet zu haben.
1945/46: Verfolgung, Mord, Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen. Die dabei verübten Verbrechen werden mit dem Straffreiheitsgesetz vom 8.Mai 1946 amnestiert.
1973: Die Regierung Brandt/Scheel erklärt gegenüber der ČSSR das MA für „nichtig“.
2021 (04. März!): Die SL-Führung ersetzt die Satzungsziele Naturalrestitution und Heimatrecht durch eine unspezifizierte Gerechtigkeitsfloskel. Mit der dafür notwendigen Satzungsänderung scheiterte sie sechs Jahre lang in „normalen“ Mitgliederversammlungen. Zum gewünschten Ergebnis kam sie angeblich 2020 durch das „Gesetz zur Abmilderung der Coronafolgen“. Dieses bezog sich aber nur auf § 32 BGB (Vorstandswahl, Kassenstand) und nicht auf § 33 BGB (Vereinszweck), so dass eine Falschanwendung vorliegt. Brüskierend ist auch das Datum des Änderungseintrags. Es erinnert an den 4. März 1919 und signalisiert, dass der Freiheitswille der Sudetendeutschen erneut, jetzt aber final, zu brechen sei.
2023 ff.: Die Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) feiert die „Versöhnung“ mit den Tschechen. Es ist aber nur eine Versöhnung zu den Bedingungen der Enteigner/Vertreiber/Mörder. Echte Versöhnung kennt keine Unterwerfung des einen unter den anderen, sondern beruht auf Gerechtigkeit. Wer aber auf diese verzichtet, ist auch kein Brückenbauer, sondern ein Gehilfe der Gewalt. Gewalt war es dann auch, mit der man die Sudetendeutschen in den letzten 100 Jahren gleich zweimal zu Sühneleistungen zwang, jedoch immer nur für die Schuld anderer. 1918 stellvertretend für „300 Jahre Habsburg in Böhmen“ und 1945 wieder stellvertretend für sechs Jahre „reichsdeutsches Protektorat“. Das ist die Wahrheit, aber der Propaganda ist es gelungen, aus Opfern Täter zu machen. (F.V.)
Quellen:
Aschenbrenner, Victor, Sudetenland, o.J.;
Berber, Prof. Dr. Fritz, Europäische Politik 1933-1938 im Spiegel d. Prager Akten, Essen 1942;
Bosl, Karl (Hrsg.), Die demokrat. Struktur der 1. csl. Republik, Mü. 1975;
Dewitz, Das verbotene Parteienverbot, o.J.;
Hayek, Friedrich A., The Road to Serfdom, 1944;
Jaworski, Rud., Vorposten oder Minderheit? Sttgt.1977;
Kral, Vaclav, Das Abkommen v. München 1938, Dokumente, Prag 1968;
Krantz, A., Wendische Geschichte, um 1500;
Krystlik, Tomas, Verschwiegene Geschichte I u.II, 2012;
Ludvíkovský, Jaroslav, Tunna und Gommon, in: Folia diplomatica;
Nadler, Jos., Das Schrifttum d. Sudetendeutschen, o.J.;
Quigley, Carol, The Anglo-American Establishment, 1949/1981;
Sakharow, Konst., Die tschech. Legionen in Russland, 1930;
Starkbaum/ Reichenb., Die Heimat d. Sudetendeutschen, Wien 1967;
Zarnow, Gottfr., Masaryk-Benes, Bln. 1939.





