Der letzte Deutsche

Sonntag,22.März2026 von

Der letzte Deutsche von Blatna

Ein anschauliches Porträt seiner Heimat in Nordböhmen hat der Philosoph und Schriftsteller Fritz Mauthner in seinem 1887 erschienen Grenzlandroman „Der letzte Deutsche von Blatna“ gezeichnet. Er wurde 1849 in Horitz geboren, einer Ortschaft ca. 25 km nordwestlich der Stadt Königgrätz und 20 km von Königinhof entfernt. Er führt uns mitten hinein in die Auseinandersetzungen zwischen Deutschböhmen/Sudetendeutschen und Tschechen, in welche der Autor auch selbst verwickelt wurde. Nachdem der Sohn eines deutsch-jüdischen Webereibesitzers ein Jurastudium abgebrochen hatte, auch eine Anstellung in einer Kanzlei nur kurz dauerte, entschloß er sich um 1876, freier Schriftsteller zu werden. Er arbeitete als Kulturkritiker und übernahm 1895 die Redaktion des Berliner Tageblatt. 1905 ging er nach Freiburg, 1909 zog er nach Meersburg am Bodensee und betrieb private Studien. Als Philosoph vertrat er eine Position, die den Wert der Sprache als Mittel der Erkenntnis in Frage stellt. Dieser Roman ist auch im Internet lesbar, er wurde in das Projekt www.Gutenberg-de aufgenommen.

https://projekt-gutenberg.org/authors/fritz-mauthner/books/boehmische-novellen/

Der Inhalt: Die zwei Freunde Anton Gegenbauer und Zaboj Prokop wachsen gemeinsam an der nordostböhmischen deutsch-tschechischen Siedlungsgrenze, in dem mehrheitlich tschechisch besiedelten Städtchen Blatna auf. Antons Familie ist deutschböhmisch, sein Vater Zuckerfabrikant; Zaboj ist Tscheche, sein Vater invalider Soldat, der einst sein Haus und den angrenzenden Steinbruch an Gegenbauer hatte verkaufen müssen. Zaboj und Anton, beide 15 Jahre alt, verbringen gemeinsam mit Zabojs jüngerer Schwester ihre gesamte Freizeit im stillgelegten Steinbruch hinter dem Haus der Familie Gegenbauer. Die zwei führen gerne lange Dispute, ihr Hauptthema ist der Nationalitätenzwist. Beide werden nach Prag geschickt, um eine höhere Schulbildung zu erhalten. Als Anton ausgelernt ist, offenbart ihm sein Vater, daß die Fabrik in großen Schwierigkeiten stecke. Deshalb schickt er den Sohn für einige Jahre nach Österreich in die Lehre. Viereinhalb Jahre später kehrt er nach Blatna zurück wo sich viel verändert hat. Zaboj hat sein Jus-Studium beendet und ist an die Spitze der tschechischen nationalen Gruppe des Städtchens getreten. Anton schließt sich der Gruppe der Deutschböhmen an, die erstaunt die Radikalisierung der tschechischen Bevölkerung beobachten. Die Positionen der beiden Freunde haben sich so weit auseinander entwickelt, daß sie sich kaum mehr grüßen. Viele weitere Szenen spielen sich in dem ehemals deutschen, nun tschechischen Wirtshaus ab. Der Stammtisch der Deutschböhmen wird immer kleiner, jener der Tschechen immer größer. Die Stimmung in Blatna beginnt zu kippen. Anton versucht weiterhin, seine Fabrik zu retten. Als 24 jähriger hat er die Leitung übernommen. Dies wird immer schwieriger, da die tschechischen Bauern ihm keine Zuckerrüben mehr verkaufen. Ein Gegenprojekt geht in Bau, die Lage radikalisiert sich weiterhin. Als die alte, liberale, cisleithanisch/österreichische Regierung gestürzt wird, was einen politischen Umschwung bedeutet, feiern die Tschechen lautstark. Anton hat sich in der Zwischenzeit mit den Deutschböhmen im benachbarten Oberndorf verbündet und versucht, sie zum Widerstand zu überreden. Dazu bietet sich eine Gelegenheit, als die Tschechen eine Massenversammlung auf einem traditionellen Versammlungsort einberufen, bei der über die Gründung einer tschechischen Schule im deutschen Oberndorf abgestimmt werden soll. Anton geht als einziger aus der Oberndorfer Runde hin. Er schafft es die „Langröcke“, die anwesenden deutschen Bauern zum Widerstand gegen den tschechischen Expansionsdrang aufzurufen. Ihm gegenüber Zaboj als Redner der Tschechen. Die Stimmung heizt sich auf, es kommt zum öffentlichen Streitgespräch der beiden ehemaligen Freunde. Der Streit ist so heftig, daß die beiden beginnen, sich gegenseitig durch persönliche Angriffe zu verleumden. …

Schauplatz des Romans sind die fiktiven Ortschaften „Blatna“ und das nebenan gelegene, „Oberndorf“. Es wird Bezug genommen auf Königsgrätz, auf Trautenau, auf die damalige deutsch-tschechische Siedlungsgrenze und deshalb erhält der Leser den Eindruck als würde der Autor die Gegend im Nordosten Böhmens beschreiben wo er geboren wurde.

Mauthner erzählte aus seiner Schulzeit: „Die tschechische Gesinnung der Lehrer, die sich von Jahr zu Jahr offener und gehässiger äußern durfte, hatte nun wieder üble Folgen für die Behandlung der Schüler. … Wir bemerkten es kaum, daß unser Geschichtsprofessor die Geschichte Böhmens wie eine rein slawische Geschichte darstellte und von dem mächtigen Einfluß deutscher Kunst und Kultur überhaupt wenig zu erzählen wußte. Es kommt auch anderswo vor, daß die Weltgeschichte durch eine farbige Brille gezeigt wird, auch in Preußen. Schlimmer war es schon, daß diese geistlichen Herren für alle Anhänger von Johann Hus die wärmsten Gefühle äußerten und zu wecken suchten.“

Zum politischen Hintergrund der Entstehungszeit des Romans:

Die Spannungen legt Mauthner in den Szenen im Wirtshaus dar. Dort erhalten beide Gruppen auch die Neuigkeit, daß das Ministerium gestürzt sei, was die Tschechen jubelnd aufnehmen. Aufgrund der angeführten zeitlichen Einordnung Mauthners läßt sich bei einem Vergleich mit den historischen Fakten eruieren, daß es sich dabei um den Rücktritt der Regierung von Fürst Adolf von Auersperg im Jahr 1879 handeln muss. Nach einer kurzen Interimsregierung folgte dann die lange Regierungszeit des konservativ-monarchistisch positionierten Eduard Graf Taaffe von 1879-1893. Taaffe war den slawischen Nationalitäten (Tschechen und Polen) aus strategischen Gründen günstig gestimmt. Die Regierung Taaffe kam den tschechischen Politikern in einigen Punkten entgegen. Darunter fällt auch eine Garantie über die Gleichberechtigung beider Landessprachen bei den staatlichen Behörden aller Gebiete Böhmens – auch in den rein deutschen (!) – und den Selbstverwaltungsorganen. 1881 hatte die sog. „Schlacht von Kuchelbad“, eine große Straßenprügelei, medial für Aufsehen gesorgt. Grund dafür waren die 61 Sprachenverordnungen, woraufhin sich die nationalen Spannungen in Gewalt entluden. Auch in Prag kam es im Sommer 1881 zu schweren Ausschreitungen auf tschechischer Seite. Die Taaffesche Reform der Volkszählung im Jahr 1880 trug ebenfalls dazu bei, daß sich die politische Lage in Böhmen aufheizte. Auch wenn die Kinder in der Volksschule angemeldet wurden, mußte jetzt ihre Umgangssprache angegeben werden wobei nur eine Sprache gewählt werden durfte. Daraus folgte, daß eine große Anzahl an nationalen und kulturellen Schutzvereinen sowohl auf tschechischer, als auch auf deutscher Seite entstand, um die eigene Sprache zu verteidigen. Dadurch breitete sich der Nationalitätenkampf bis in die kleinsten Ortschaften aus.

Es entstand eine Art nationaler Kleinkrieg, der das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen vergiftete und das gegenseitige Mißtrauen steigerte. 1883 folgte zusätzlich noch eine starke Veränderung im tschechischen Landtag, die deutsche Mehrheit in Böhmen wurde mit Hilfe der slawenfreundlichen Feudalen gebrochen, indem die Wahlordnung manipuliert wurde. Die 75 deutschen Abgeordneten befanden sich nun gegenüber den 167 Tschechen und Feudalen in der Minderheit. Zum ersten Mal wurden nur tschechische Vertreter ins Landesparlament gesandt. 1884 verloren die Deutschböhmen auch ihre Majorität in den Handelskammern Prag, Pilsen und Budweis. Überhaupt wuchs im 19. Jh. der tschechische Bevölkerungsanteil rascher als der deutsche, was den tschechischen Expansionsdrang weiter erhöhte. So kippten die deutschen Bevölkerungsmehrheiten in Städten wie Brünn, Pilsen, Budweis, Ostrau, Olmütz, und schließlich auch Prag!

Die Zusammenstöße in Böhmen zwischen den Nationalitäten nahmen zu. 1891 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den couleurtragenden deutschen und tschechischen Studenten. Als Franz Josef I. 1893 in Prag auf Besuch weilte, konnte ein Attentat von Mitgliedern der tschechischen, radikalen Jugendbewegung „Omladina“ (Jugend, Jungvolk) auf ihn knapp verhindert werden. 1893 kam es erneut zu Ausschreitungen während der Nepomuk- und Husfeierlichkeiten, woraufhin der Ausnahmezustand in Prag verhängt wurde. In seinem Roman läßt Mauthner in Kapitel 5 den deutschen Arzt die tschechische Methodik des Eindringens in die deutschen Gebiete beschreiben:

Vierzehn Tage länger dauerte es, bevor auch der Lehrer versetzt wurde. Er war in der Tat in Blatna überflüssig geworden. An jedem Tage wurden einige Kinder aus der deutschen Schule herausgenommen und in die tschechische gesteckt. Die Eltern waren jene Hausbesitzer und Ackerbürger, welche sich als gehorsame Untertanen sofort der neuen Richtung angeschlossen hatten, sich aber selbst in der neuen Sprache gar zu ungeschickt bewegten; sie wollten es den Kindern bequemer machen. Bevor noch der letzte deutsche Knabe aus seiner Schule genommen war, erhielt der deutsche Lehrer schon den Befehl, sich nach einem kleinen Orte an der Grenze zu begeben, und dazu die Ermahnung, sich niemals um die Wahlen zu bekümmern und keine politischen Gedichte zu veröffentlichen. Als er von den Freunden Abschied nahm, verhehlte er nicht, daß er froh wäre, von Blatna fortzukommen. In seinem Bestimmungsort wohnte kein einziger Tscheche. Der Arzt lachte zu dieser Mitteilung bitter auf und sagte in seiner satirisch übertreibenden Weise: »Was nicht ist, kann werden. Und wenn morgen ein tschechischer Scherenschleifer durch Ihren neuen Wohnort zieht, so wird man einen tschechischen Bezirksrichter für nötig halten, weil der Scherenschleifer vielleicht stehlen könnte und der Richter ihn in seiner Sprache verhören müßte. Und wenn der tschechische Bezirksrichter erst da ist, so wird er tschechische Predigt und tschechische Schulen verlangen, weil er vielleicht heiraten, viele Kinder bekommen könnte und diesen der Unterricht und die Glaubenslehre nicht verkümmert werden darf. Und wenn erst die tschechische Schule für die zukünftigen Kinder des Scherenschleiferrichters gegründet ist, dann wird plötzlich kein Geld für die deutsche Schule da sein und Sie werden weiter wandern müssen, immer weiter, bis Sie im letzten deutschen Gebirgsneste Ruhe finden, wo kein tschechischer Scherenschleifer mehr hinkommt, weil die Leute zu arm sind, um ein Werkzeug im Hause zu haben.«

Neue Verhältnisse im früher deutsch, nun tschechisch gesinnten Wirtshaus des Städtchen Blatna:

Die zweisprachige Speisekarte gab nebeneinander die deutschen und die tschechischen Namen der vier bis fünf Tagesgerichte an, und die tschechische Übersetzung fiel gewöhnlich mit Hilfe von Gelehrten so tiefsinnig und neumodisch aus, daß der dicke (tschechische) Brauer erst die bekannte deutsche Bezeichnung nachsehen mußte, bevor er würdevoll sein Essen auf tschechisch verlangte. Und dann mußte (der Kellner) Franz doch wieder die Speisekarte zur Hand nehmen und die tschechische Übersetzung mit der (tschechischen) Ursprache vergleichen, bevor er das Gericht in der Küche auf deutsch bestellte.

Seit ebenso langer Zeit lag neben der harmlosen deutschen Lokalzeitung auch ein tschechisches Kreuzerblatt. Dieses wurde schon besser verstanden als die Speisekarte; es verzichtete klug auf neu gebildete Worte und belehrte das Volk in seiner Sprache darüber, daß die Deutschen in Böhmen Eindringlinge wären und froh sein müßten, wenn sie überhaupt geduldet würden. Da die deutsche Zeitung ganz bedächtig die Streitfrage untersuchte und nach langen  Auseinandersetzungen nur zu dem Schlusse kam, daß beide Stämme mit gleichen Rechten brüderlich nebeneinander wohnen sollten, so mußten die Leser beider Ansichten allmählich die Wahrheit in der Mitte suchen, und die Deutschen unter ihnen wunderten sich nicht wenig darüber, daß sie hier in ihren alten Sitzen Eindringlinge waren.

Es ist bemerkenswert, wie der jüdische Autor Mauthner den Romanfiguren des jüdischen Wirtes und seines Sohnes eine schlechte Rolle zuteilt, weil sie vom deutschen zum tschechischen Bekenntnis wechseln.

Da schlich der alte Stephan Silber herein, brachte Bier und eine gute Schüssel und schloß die Tür hinter sich. »Haben ein wenig warten müssen, Herr Gegenbauer!« sagte er, während er den Tisch ordnete. »Mein Sohn hat sich wollen erlauben, einen Witz zu machen. Ich hab’s geduldet, solange das Bier nicht gut war. Es war bisher nur eine Neige, Herr Gegenbauer; ich habe meinem Peter gehorcht, bis frisch angesteckt war.« Als Anton nichts erwiderte, rückte der Wirt noch einmal am Besteck und sprach leise: »Sie werden sich auch ergeben müssen, Herr Gegenbauer; wir sind die Schwächeren. Ich habe mich gefügt, aber glauben Sie mir, ich möchte diese Tschechen vergiften alle miteinander, die Schufte!« »Die Tschechen sind keine Schufte, sondern nur unsere Feinde,« rief Anton mit ernster Stimme. »Ein Schuft aber ist jeder Deutsche, der sich ihnen verkauft oder aus Feigheit ergibt.« Mit traurigem Kopfnicken zog sich der Wirt zurück. Anton nahm gedankenlos sein Abendbrot zu sich und starrte dabei die Wand an, wo seit gestern ein neues nationales Bild hing, eine Bohemia neben einem ungeheuren, gefräßigen zweischwänzigen Löwen. Plötzlich trat der Wirtssohn herein. Er brachte zwei schäumende Krügel, setzte das eine vor den Gast nieder und nahm mit dem andern neben ihm Platz. »Ich komme zu Ihnen als Freund,« sagte er auf deutsch. Er hatte es nicht verlernt, er sprach es sogar in der unverfälschten mährischen Mundart. Unbekümmert um Antons Schweigsamkeit führte er ihm zu Gemüte, daß man in Böhmen Tscheche sein oder auswandern müsse. Der Petr war gar nicht so dumm, wie er sich anstellte. Ganz geschickt wußte er die Vorteile aufzuzählen, welche der Deutsche durch seinen Übertritt ins tschechische Lager erwarb. Der deutsche Renegat hätte es besser als der Tscheche selbst. Und gar ein so angesehener Mann wie der Gegenbauer-Anton könnte seine Bedingungen stellen. Er konnte vielleicht jetzt noch das Aktienunternehmen, das für ihn so gefährlich war, am Entstehen verhindern, konnte das viele Geld seiner eigenen Fabrik zuleiten, wenn er nur in einem Punkte nachgab, wenn er bei der Nachwahl – der Gewählte werde die Wahl kaum annehmen – dem Tschechen seine Stimme gab.

Ohne Blatna zu verlassen zieht es Anton vor, mehr Zeit bei seinen deutschen Freunden in Oberndorf zu verbringen. Doch dann treiben die Ereignisse des Romans dem Höhepunkt zu.

Bei alledem fand Anton den sorgenschweren Winter hindurch manche Anregung und den Trost der Zerstreuung bei den Sanges- und Turnerbrüdern in Oberndorf. Er selbst hatte sich niemals hervorgetan, weder durch Reden noch durch Anträge. Zu ernst war sein Blick in die nächste Zukunft gerichtet. Als jedoch nach einer langen strengen Kälte der Frühling mit freudiger Macht aus dem flachen Lande plötzlich bis hier herauf gedrungen war, da erzeugte der Übermut von Blatna plötzlich eine stürmische Bewegung unter den Vereinen in Oberndorf, eine Bewegung, die auch ihn fortriß. Man wollte dem urdeutschen Städtchen eine tschechische Volksschule aufzwingen! Der Vorgang sollte derselbe sein, wie er sich schon in anderen Grenzgebieten bewährt hatte: in einer allgemeinen Volksversammlung, auf dem Sankt-Josephs-Berge, sollte einstimmig oder doch mit großer Mehrheit die Notwendigkeit einer tschechischen Schule in Oberndorf beschlossen werden. In einer solchen beliebten Volksversammlung – »Meeting« nannten es die tschechischen Zeitungen – wurde gewöhnlich von Tschechen und Deutschen eine Resolution gefaßt, welche den Wunsch nach einem tschechischen Lehrer aussprach. Die Behörde konnte sich solchen Wünschen natürlich nicht verschließen.

In dieser Volksversammlung kulminiert die Auseinandersetzung zwischen Zaboj und Anton. Anton ergreift das Wort:

Langsam legte sich der Aufruhr, während Zaboj einen halben Schritt zur Seite trat und Anton zögernd und bedächtig das Wort ergriff. Vorsichtig begründete er zunächst sein Recht, von dieser Stelle zur Versammlung zu sprechen. Man habe außer den Tschechen auch die Deutschen eingeladen und das Gerüst und die slawischen Fahnen hierhergebracht auf rein deutsches Gebiet. Und wenn man nicht den Glauben erwecken wolle, daß es nur um eine Demonstration zu tun sei, daß man hier bloß für die Zeitungen spreche, so müsse auch ein richtiger Deutscher zu Worte kommen. Petr Zilbr sei kein Deutscher mehr, wenn er sich auch noch so viel Mühe gäbe, es den Bauern einzureden. Dann begann Anton, während die Deutschen mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten und seine Feinde ungeduldig die Erlaubnis zu einer stürmischen Unterbrechung erwarteten, seinen kurzen Zwischenruf zu begründen. Er erklärte den Bauern den Kriegsplan der Tschechen. Er wies aus vielen Beispielen nach, daß sie hier wie überall damit anfingen, an deutschen Orten einen kleinen festen Kristallisationspunkt für die Ausbreitung des Tschechentums zu gewinnen. Wie der einzelne tschechische Lehrer, Beamte, Geistliche oder Gastwirt als Quartiermeister für die nachschiebenden Landsleute tätig war, wie der tschechische Stamm seit Jahren an tausend Punkten zugleich erobernd in das deutsche Gebiet eindrang, wie deutsches Wesen vom slawischen Stück für Stück verschlungen wurde. Das hörten die deutschen Bauern jetzt zum ersten Male vom Gegenbauer, dem geachteten Manne, der auch gar nicht danach aussah, als ob er ein Lügner wäre.

Unter solchen im ganzen Land spürbaren politischen Zuständen begannen in der Realität die Deutschböhmen/Sudetendeutschen sich langsam aktiv zu formieren und gegen ihre Verdrängung zu protestieren.

Mauthner ging dies zu langsam, er wollte mit seinem Roman die Deutschböhmen vor ihrer Bedrohung warnen!!!

Den Roman läßt er in den letzten Zeilen hoffnungsvoll enden.

Der Anton Gegenbauer als Beispiel eines Deutschen der das Blatt wenden kann!

Zaboj blickte zu Boden, dann sprach er: »Nicht wahr, die Wahl ist wieder deutsch ausgefallen? Sage meinem Vater, daß ich ihn nicht wiedersehen kann. Ich gehe nach Prag, ins große politische Leben, und will mich verbrauchen lassen. Ich kehre nicht mehr nach Blatna zurück.« »Niemals?« »Gewiß nicht, solange hier der Gegenbauer-Anton lebt, der letzte Deutsche von Blatna, wie wir ihn höhnisch genannt haben. Ich habe ihn von Jugend auf gekannt. Er ist keine streitbare Seele. Er ist gar kein Politiker, gar nicht ein bißchen schlau. Er ist heute noch fast wie ein Knabe. Und doch – ich sage dir, wenn alle Deutschen in Böhmen nur so lebten wie er, die Zukunft wäre dann nicht unser!«

Dieser Roman ist ein wahrer Augenöffner!

So waren Verhältnisse und Stimmung in den Böhmischen Ländern bereits 60 Jahre VOR der Vertreibung der Sudetendeutschen! Wer kann in Kenntnis dieser tiefer liegenden Ursachen da noch den oberflächlichen, politisch manipulierten Darstellungen der etablierten Medien und dem Schulgeschichtsunterricht glauben, für die die Vertreibung der Sudetendeutschen ausschließlich eine Folge von Krieg und NS-Verbrechen ist?

1897 veröffentlichte Mauthner den Roman „Die böhmische Handschrift“, eine Humoreske über die Handschriften. Ebenfall bei Projekt Gutenberg-de lesbar:

https://www.projekt-gutenberg.org/mauthner/boehmnov/boehmhan.html

Mauthner erlebte auch den Streit um Hankas gefälschte Handschriften bereits im Gymnasium:

„Um zu zeigen, wie weit die Verhätschelung des tschechischen Nationalgefühls und die Unterdrückung des deutschen ging, will ich eine kleine Tatsache festlegen. Wir deutschen Schüler verließen das Gymnasium (in Prag Anm.), ohne von einem unserer Lehrer erfahren zu haben, daß es im Mittelalter eine deutsche Dichtung gegeben hatte. Aber wir deutschen Schüler mußten uns vier Semester lang durch tschechische Dichtungen aus dem Mittelalter durcharbeiten; und diese mittelalterlich-tschechischen Dichtungen waren erwiesenermaßen Fälschungen. Wir wußten sogar, daß es Fälschungen waren, und die Lehrer wußten es auch.“

 

Zusätzlich verwendete Quelle:

„Fritz Mauthners böhmische Romane im Kontext des deutschböhmisch-tschechischen Nationalitätenkonfliktes.“ Diplomarbeit. Verfasserin: Christine Braunsteiner

 

Von 1867 nach dem Inkrafttreten der Dezemberverfassung, mit der in der österreichischen Reichshälfte (Cisleithanien) der Monarchie der österreichisch-ungarische Ausgleich umsetzt wurde, bis 1918 verbrauchte die völlig überforderte Habsburger Herrschaft 34 Regierungen!

Friedrich Ferdinand von Beust: nach dem Inkrafttreten der Dezemberverfassung am 22.12.1867, noch bis 30.12.1867 Außenminister und Regierungschef.

Fürst Karl von Auersperg: 30. Dezember 1867 – 24. September 1868

Eduard Taaffe: 24. September 1868 – 15. Jänner 1870

Ignaz von Plener: 15. Jänner 1870 – 1. Februar 1870

Leopold Hasner von Artha: 1. Februar 1870 – 12. April 1870

Graf Alfred Potocki: 12. April 1870 – 6. Februar 1871

Karl Sigmund von Hohenwart: 6. Februar 1871 – 30. Oktober 1871

Ludwig von Holzgethan: 30. Oktober 1871 – 25. November 1871

Fürst Adolf von Auersperg: 28. November 1871 bis 15. Februar 1879

Karl von Stremayr: 15. Februar 1879 – 12. August 1879

Eduard Taaffe: 12. August 1879 – 11. November 1893

Fürst Alfred Windisch-Grätz: 11. November 1893 – 19. Juni 1895

Erich Graf Kielmansegg: 19. Juni 1895 – 30. September 1895

Kasimir Felix Badeni: 30. September 1895 – 30. November 1897

Paul Gautsch von Frankenthurn: 30. November 1897 – 5. März 1898

Franz Fürst von Thun und Hohenstein: 5. März 1898 – 2. Oktober 1899

Manfred von Clary-Aldringen: 2. Oktober 1899 – 21. Dezember 1899

Heinrich von Wittek: 21. Dezember 1899 bis 18. Jänner 1900

Ernest von Koerber: 19. Jänner 1900 bis 31. Dezember 1904 (Ministerium Koerber I)

Paul Gautsch von Frankenthurn: 31. Dezember 1904 – 2. Mai 1906

Fürst Konrad Hohenlohe: 2. Mai 1906 – 2. Juni 1906

Max Wladimir Freiherr von Beck: 2. Juni 1906 – 15. November 1908

Richard von Bienerth-Schmerling: 15. November 1908 – 28. Juni 1911

Paul Gautsch von Frankenthurn: 28. Juni 1911 – 3. November 1911

Karl Graf Stürgkh: 3. November 1911 – 21. Oktober 1916

Ernest von Koerber: 29. Oktober 1916 – 20. Dezember 1916 (Ministerium Koerber II ab 31.10.1916)

Heinrich Clam-Martinic: 20. Dezember 1916 bis 23. Juni 1917 (Ministerium Clam-Martinic)

Ernst Seidler von Feuchtenegg: 23. Juni 1917 bis 25. Juli 1918 (Ministerium Seidler)

Max Hussarek von Heinlein: 25. Juli 1918 – 27. Oktober 1918 (Ministerium Hussarek)

Heinrich Lammasch: 27. Oktober 1918 – 11. November 1918 (Liquidationsministerium, Übergabe der Geschäfte an den deutschösterreichischen Staatsrat bzw. die Staatsregierung Renner I)

 

 

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