Chronologie Sudetenfrage

Montag,5.Januar2026 von

Chronologie zur Sudetenfrage
(Stand 9.1.2026, von F. Volk)
Böhmen war immer ein Teil Germaniens, auch für Cosmas v. Prag († 1125). Namensgeber waren die keltischen Bojer (=Kämpfer).    Die Slawen sind „unbemerkt und einzeln darein geschlichen“ (Krantz).     Bis ins 18. Jh. wurden sie Sklaveni genannt, vorher Wenden.
Um 900: Am Hradschin herrschen Wikinger, wie das 1928 im dritten Burghof  freigelegte wikingische Fürstengrab zeigt. Es wird dem um 890 verstorbenen  „Přemisliden“ Boriwoi (wikingisch Borwieg) zugeschrieben. Vor der Burg liegen etwa 100 weitere Gräber seiner wikingischen Gefolgsleute. Sie „herrschten über das Land der Böhmen wie große  Fürsten“ (Leg. Christiani, 145,  in Ludvikovski).  Auf Borwieg folgte Wartlieb, tschechisch Wratislav.
1198: Böhmen wird Königreich und ist Teil des Römischen Reiches Deutscher Nation. Von 1355 bis 1378 stellte es mit Karl IV. sogar dessen Kaiser. Die Gründung deutscher Städte in Böhmen erfolgte durch Binnenwanderung, wie Ernst Schwarz  an Städten wie Pilsen zeigte.
1400: Johannes von Saaz verfasst den „Ackermann aus Böhmen“, das erste literar. Werk in der in den kaiserl. Kanzleien besonders (statt Latein) gepflegten Neuhochdeutschen Sprache.
1415 ff.: Die Hussitenkriege dezimieren das Deutschtum. Paul Zidek, der Berater König Podĕbrads (1458-71), stellte aber fest, dass es „uns nicht möglich ist, gewisse  Wirtschaftszweige ohne die Deutschen auf gleicher Höhe weiterzuführen“. So fassten Deutsche wieder Fuß (Aschenbrenner, S. 48).
1526: Der Habsburger Ferdinand I. wird von den böhmischen Ständen zum König Böhmens gewählt. Nach der Umwandlung des Wahl-  in ein Erbkönigtum blieben die Habsburger bis 1918 in dieser Stellung.
1618-48: Der 30-jährige  Krieg entvölkerte Böhmen. Die Lücken füllten vor allem Bayern und Sachsen. Bei Übernahme verlassener Bauernhöfe zahlten sie eine „Anleit“. Der Sieger, Kaiser Ferdinand  II., wünschte weniger die Germanisierung, sondern die Rekatholisierung Böhmens. Beide Sprachen waren gleichberechtigt.
1740 ff.: Preußen erobert den größten Teil Schlesiens, wodurch die Deutschen im Habsburger-Reich in die Minderheit gerieten.
1817: Der Bibliothekar Vačlav Hanka fälscht die Königinhofer bzw. Grünberger Handschriften, um tschechische Hochkultur im Mittelalter vorzutäuschen.
1848: Die Tschechen bleiben der „Paulskirche“ in Frankfurt fern, weil Wien nicht geschwächt werden dürfe, das man gegen das Ausgreifen Russlands benötige (Absagebrief  Palackys vom 11.4.1848). Diese geostrategisch-weitsichtige Erkenntnis war 1918 aber wieder vergessen.
1866: Nach der Niederlage bei Königgrätz begann Wien in Absprache mit der Kirche die Slawisierung und Katholisierung der deutschen Randgebiete Böhmens, um sie für Preußen „unverdaulich“ zu machen. Deshalb gab es dort so viele tschechische Geistliche.
1877: Der Sitz der gesamtösterreichischen Sozialdemokratie lag für drei Jahre in Reichenberg, denn das Sudetenland galt als das „Ruhrgebiet“ Österreichs. Die Industrie zog aber auch viele tschechische Arbeitskräfte aus dem Landesinneren an, was zu nationaler Überfremdung führte. Die Deutsche Arbeiterpartei kämpfte daher „Für Scholle, Schule, Arbeitsplatz“.
1866-1914: Im Wiener Reichstag setzten vor allem sudetendeutsche Abgeordnete „eine feine Konzeption der deutschen Zivilisation“ durch, so dass  „die Polizeiherrschaft einem rechtsstaatlichen Zustand und der Anerkennung der individuellen Rechte wich, einschließlich derer der Juden“ (Elis. Wiskeman bei Jaksch, S. 74). Das kam auch den Tschechen zugute.

1918: Die tschechischen Legionen in Russland verweigern den „Weißen“ jede Hilfe gegen die bolschewistischen „Roten“. So kamen diese an die Macht mit allen Folgen für die Weltgeschichte, einschließlich Stalin und Katyn (Sakharow, S. 18 und passim).

1918: Benes fand in den Wiener Universitätsakten eine handschriftliche Erklärung Masaryks, dass er (wie s. Mutter?) deutscher Nationalität sei. Damit erpresste er diesen zur Aufgabe seines Planes einer Kantonalordnung für die ČSR (Felix Seebauer, Egerländer 1999/5, S. 19).
1919: Das erste Parlament der neuen ČSR war nicht gewählt und bestand nur aus Tschechen und wenigen Slowaken. Dennoch verabschiedete es (meist zu Lasten der Deutschen) die Verfassung, das Sprachengesetz,  die Parlamentsordnung, das Bodenreformgesetz usw.  Da die Verfassung den Deutschen aufoktroyiert war, blieb sie für diese unverbindlich.
1919 (4. März): Der Sozialdemokrat Seliger rief zu einer landesweiten Demonstration für das von Wilson versprochene Selbstbestimmungsrecht auf. Sie wurde blutig  niedergeschlagen und kostete 54  Sudetendeutsche das Leben.
1919 (10. Sept.):  Der Vertrag von St. Germain wird unterzeichnet. Ihm lag das lügenhafte Memoire III  Beness zugrunde. Um das zu verschleiern, erließ Prag 1923 ein Forschungsverbot über die Entstehungsgeschichte des eigenen Staates (Abs. II, § 14)!!  „Geschützt“ wurden damit auch die gefälschten Beitrittserklärungen der Slowaken zur ČSR (Zarnow).
1919-1938:
Die ČSR war wegen der „gebundenen Mandate“ nur eine „Scheindemokratie“ (Prokop Drtina, Memoiren). Eine endlose Reihe schikanöser Gesetze führte zur „rücksichtslosen Unterdrückung“ der Deutschen (Hayek, S.118). In den Kommunen wurde der letzte Rest an Selbstbestimmung auf dem Verordnungsweg beseitigt, so dass nach der „horizontalen“ auch die „vertikale“ Gewaltenteilung erlosch (Dewitz, S. 40).
1925 (5.-16.Okt.): In Locarno lehnt England (mit Deutschland), eine Bestätigung der deutschen Ostgrenzen ab. Schon im Juli 1925 hatte sich Stresemann in einer geheimen Vorkonferenz mit Benes im Grenzort Ploschkowik geweigert, die Grenze zur ČSR zu garantieren (Jaworski, S. 138). In München 1938 machte Hitler eine Grenzgarantie abhängig von der Lösung der Minderheitenfrage mit den Polen und Slowaken in der Rest-ČSR, die aber nie kam.
1933 (31. März): Prag und Paris einigen sich insgeheim darauf, die Revisionsartikel der Verträge von Versailles bzw. St. Germain (jeweils Art. 19) zu unterdrücken, da sie Deutschland in eine „moralisch vorteilhafte Lage“ brächten (Osusky, bei Berber, S. 23).
1933 (01. Okt.): Henlein gründet die Sudetendeutsche Heimatfront (SdH). Ihr Ziel war eine innerstaatliche Lösung mit größerer Autonomie für die Sudetendeutschen  (Kantonalordnung?). Das lehnte nicht nur Benes, sondern auch Hitler ab. Dieser warf Henlein vor, die Sudetendeutschen „verschweizern“, d.h. vom deutschen Volkskörper abtrennen zu wollen. Da Henlein zu populär war, bekämpfte man nur dessen engste Mitarbeiter (Heinz Rutha, Dr. Walter Brand, letzterer bis1945 im KZ). Dennoch vertrat Henlein gegenüber Runciman noch am 18.8.1938 die innerstaatliche Lösung.
1935: Nach dem Vertrag mit der UdSSR entwickelt sich die ČSR zu einem kommunistischen Stützpunkt, was den „Westen“ beunruhigt (mit Folgen beim Münchner Abkommen).
1937 (19. Nov.): Lord Halifax besucht Hitler am Obersalzberg und gibt ihm zu verstehen, dass Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus benötigt werde und freie Hand gegen Österreich, ČSR und Danzig hätte, sofern Krieg vermieden werde (Quigley. S. 275).
1938 (20. Mai):
  Benes ordnet eine unprovozierte Teilmobilmachung an. Dahinter steckte Churchill, der es „ausdrücklich vorzog“, dass Benes selbst einen Krieg „hervorriefe“, weil Deutschlands Kriegsbereitschaft bei nur 1:50 läge  (Kral, S. 117). Diese Mobilmachung hob die Sudetenfrage auf die internationale Ebene, wo Henleins Stimme nicht mehr viel zählte. Die sudetendeutschen Massen erhofften sich „vom Reich“ Linderung ihrer materiellen Not, denn sie stellten bei einem Bevölkerungsanteil von 23 Prozent 75 Prozent der Arbeitslosen. 

1938 (15. – 21. Sept.):  Lord Runciman empfiehlt am 15.9. den sofortigen Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland. Am 19. 9.1938 forderten daher Frankreich und England  von Prag  ultimativ die Abtretung des Sudetenlandes. Die ČSR akzeptierte diese „Prager Abtretung“ am 21.9.1938 unter Protest. Das entsprach aber nur Artikel 19 des Vertrages von St. Germain, der für den Fall der „Unanwendbarkeit“ eine Revision vorsah. Chamberlain hat das auch am 28.09.1938 im britischen Unterhaus zitiert. Damit war eingetreten, was Osusky (sh. oben 31.3. 1933!) verhindern wollte. Zum Verwirrspiel gehört der Necas-Geheimbrief, mit dem Benes das Ultimatum quasi selbst bestellt hatte, um seinem Volke eine Nötigung vorzutäuschen. Stalin hatte Kenntnis von diesem Brief und erpresste Benes damit.
1938 (29. Sept.):  Deutschland tritt der „Prager Abtretung“ bei, was man von da an Münchner Abkommen (MA) nennt.
1938 (1.-10-Okt.: Das Sudetenland wird in vier Etappen dem Reich angeschlossen.
1942: England sagt sich vom MA los, stellt 1973 aber klar, 1938 keinen von Anfang an ungültigen Vertrag unterzeichnet zu haben.
1945/46: Verfolgung, Mord, Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen. Die dabei verübten Verbrechen werden mit dem Straffreiheitsgesetz vom 8.Mai 1946 amnestiert.
1973: Die Regierung Brandt/Scheel erklärt gegenüber der ČSSR das MA für „nichtig“.
2021 (04. März!): Die SL-Führung gibt den Grundsatz der Naturalrestitution und das Heimatrecht auf. Die dafür notwendige Satzungsänderung konnte sie nur dank des (Sonder-) „Gesetzes zur Abmilderung der Pandemiefolgen“ verbunden mit dessen Falschanwendung erlangen. Brüskierend ist schließlich der 4. März als Datum des Änderungseintrags. Offenbar soll mit dieser Anspielung auf den 4. März 1919 (sh. dort!) der Freiheitswille der Sudetendeutschen erneut, jetzt aber final, gebrochen werden.
2023 ff.: Die Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) feiert die „Versöhnung“ mit den Tschechen. Es ist aber nur eine Versöhnung zu den Bedingungen der Enteigner/Vertreiber/Mörder. Echte Versöhnung kennt keine Unterwerfung des einen unter den anderen, sondern beruht auf Gerechtigkeit. Wer aber auf diese verzichtet, ist auch kein Brückenbauer, sondern ein Gehilfe der Gewalt.
Gewalt war es dann auch, mit der man die Sudetendeutschen in den letzten 100 Jahren gleich zweimal zu Sühneleistungen zwang, jedoch immer für die Schuld anderer.  1918  stellvertretend  für „300 Jahre Habsburg in Böhmen“ und 1945 wieder stellvertretend für sechs Jahre „reichsdeutsches Protektorat“.  Das ist die Wahrheit, aber der Propaganda ist es gelungen, aus Opfern Täter zu machen. (F.V.)

Quellen:

Aschenbrenner, Victor, Sudetenland, o.J.;

Berber, Prof. Dr. Fritz, Europäische Politik 1933-1938 im Spiegel d. Prager Akten, Essen 1942;

Dewitz, Das verbotene Parteienverbot, o.J.;

Hayek, Friedrich A., The Road  to  Serfdom, 1944;

Jaworski, Rudolf, Vorposten oder Minderheit?, Stuttgart  1977;

Kral, Vaclav, Das Abkommen von München 1938, Dokumente, Prag 1968;

Krantz, A., Wendische Geschichte, um 1500;

Ludvíkovský, Jaroslav, Tunna und Gommon , Wikinger aus der Prager Fürstengefolgschaft, in: Folia diplomatica;

Quigley, Carol,  The Anglo-American Establishment, 1949, 1981.

Sakharow, Konst., Die tschechischen Legionen in Russland, 1930;  

Zarnow, Gottfried,  Masaryk-Bensch, Berlin 1939.

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