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21.10.2008

Vortrag von Prof. Dr. Heinisch auf dem Sudetendeutschen Tag 2008

Wenn man nicht gewußt hätte, wo die witikonische Vortragsveranstaltung im Rahmen des Sudetendeutschen Tages stattfand, man hätte nur dem Strom der Besucher folgen müssen. Auch in diesem Jahr bewahrheitete sich wieder, dass der Referent des Witikobundes zu den begehrtesten Rednern unter den Sudetendeutschen zählte. Der nach rascher Beseitigung der Zwischenwände auf doppelte Größe gebrachte, gut gefüllte Saal knisterte auch in diesem Jahr vor Spannung, als Bundesvorsitzender Dr. Hans Mirtes die Anwesenden begrüßte.
Dr. Mirtes, der vielen Landsleuten auch als Vorsitzender der „Sudetendeutschen Lehrer und Erzieher“ sowie Heimatkreisbetreuer für Mies-Pilsen bekannt ist, zeigte sich in seinen Eröffnungsworten befriedigt über den Zuspruch, den der Witikobund an seinem Informationsstand erfuhr, und erwähnte besonders, daß auch mit tschechischen Studenten ein vielversprechender Kontakt geknüpft werden konnte. Jenseits kleinkarierter Vereinsmeierei gelte es, mit allen vernünftigen, an klaren Grundsätzen orientierten Schicksalsgenossen zusammenzuarbeiten. In diesem Sinne habe man auch keine Vorbehalte, mit Angehörigen der Seliger- und Ackermanngemeinde gemeinsam zu wirken. Es könne heute nicht darum gehen, Gruppenegoismus zu pflegen, sondern einzig und allein auf der Grundlage von Klarheit und Wahrheit für zukunftsfähige Konzepte zu arbeiten.
Mit dem österreichischen Historiker Univ.Prof. Dr. Reinhard Heinisch, der durch seine Tätigkeit am Institut für Geschichte der Universität Salzburg und als Vorsitzender der Gesellschaft für salzburgische Landesgeschichte einen guten Namen hat, war ein Vortragender gewonnen worden, der keinerlei Scheuklappen oder verzerrende Brillen trägt, sondern mit scharfem Blick auf die Historie ausgestattet ist. Heinisch erklärte selbst, er werde sich nicht an die verordneten Tabus unserer „politisch korrekten“ Gesellschaft halten, sondern die Dinge beim Namen nennen, und das interessierte Publikum war ihm dafür dankbar.
„Die sudetendeutsche Frage ist so alt wie die Siedlung der Deutschen in Böhmen“. Mit dieser Feststellung begann eine Tour d’horizon durch die Geschichte Böhmens und Mährens, die keiner nachträglichen Beschönigung verpflichtet war. Denn wenn es auch richtig ist, dass Deutsche und Tschechen, die beiden alten Völker in den Ländern der böhmischen Krone, über Jahrhunderte neben- oder miteinander lebten, so läßt sich doch nicht leugnen, dass ethnische Konfikte lange vor dem Aufkommen des modernen Nationalgedankens entstanden und ein Konkurrenzverhältnis von Beginn an zu spüren war. Heinisch wies darauf hin, dass bereits die verbesserten landwirtschaftlichen Methoden der Deutschen, die in ihren oft unwirtlichen Heimatlandschaften höhere Erträge erwirtschafteten, den Neid der Nachbarn erweckten. Schon im 12. Jahrhundert wollte Cosmas von Prag die Deutschen „mit Steinwürfen hinaustreiben“. Später waren es die Hussitengreuel, die einen Tiefpunkt im Verhältnis beider Völker markierten.
Die nach 1620 vermeintlich angebrochene „dunkle Zeit“, der „temno“ der Tschechen, bezeichnete Heinisch als eine „Floskel“, die gern verwendet werde, um das Schattendasein der tschechischen Bevölkerung in einen Vorwurf gegen die Sudetendeutschen umzumünzen. Unter diesem Aspekt kritisierte er auch eine Ausstellung zur Landesgeschichte auf der Schallaburg, die geschichtsklitternd der Legendenbildung Vorschub leistete. Tatsächlich verliefen die Konfliktlinien unter den Habsburgern keineswegs entlang der Siedlungsgrenzen, sondern machten sich an religiösen und standespolitischen Differenzen fest. Die jesuitische Gegenreformation war mit einer Tschechisierung größerer Bevölkerungsteile verbunden.
Auf deutscher Seite kam im 18. Jahrundert eine ebenso naive wie gefährliche Slawophilie zum Tragen, die den Sinn für gegensätzliche Interessen schwächte. Das „Slawenkapitel“ in Johann Gottfried Herders „Ideen zu einer Geschichte der Philosophie der Menschheit“ kündigte in merkwürdiger Euphorie an, die Zukunft Europas werde den Slawen gehören. Deren politischer Gestaltungswille ließ nicht lange auf sich warten und kulminierte erstmals 1848 im berüchtigten Slawenkongreß. Dem offensiven Panslawismus standen nunmehr Tür und Tor offen.
Das 19. Jahrhundert war, wie Professor Heinisch zeigte, durch eskalierende Auseinandersetzungen geprägt, wobei die tschechische Obstruktionspolitik im Wiener Reichstag  eine besonders unrühmliche Rolle spielte. Der in vieler Hinsicht vorbildliche „Mährische Ausgleich“ von 1905, der eine nach Nationalitäten getrennte Kreisverfassung vorsah, kam dann zu spät, um die Katastrophe noch aufzuhalten.
Als Soldaten tschechischer Nationalität im Ersten Weltkrieg kompanie- und regimentsweise überliefen, zeichnete sich deutlich ab, dass die Monarchie nicht halten würde. Die mit Hilfe der Entente gegründete, mit dem Blut der Märtyrer vom 4. März 1919 befleckte erste Tschechoslowakei war zwar eine formale Demokratie, doch nutzte die tschechische „Mehrheit“ (in Wahrheit weniger als die Hälfte des Staatsvolkes) ihre Parlamentsmajorität, um das Sudetendeutschtum politisch und wirtschaftlich an den Rand zu drängen. Nach Prof. Heinisch liegt auf der Hand, daß nicht das alte Österreich-Ungarn, sondern die CSR ein „Völkerkerker“ war.
Das nun folgende Kapitel der Jahre 38 bis 45 gehört zu den zweifellos heikelsten der sudetendeutschen Geschichte. Einseitigkeiten und Befangenheiten der Darstellung sind hier besonders groß, so dass umso mehr die tapfere Sprechweise des Referenten beeindruckte, der keine Tabus achtete. „Die NS-Walze wird täglich vorgespielt“, bemerkte Heinisch und verwies demgegenüber auf das Grundlagenwerk von Fritz Habel („Eine politische Legende – Die Massenvertreibung von Tschechen aus dem Sudetengebiet 1938/39“), in dem die antideutsche Propaganda bezüglich des Jahres 1938 widerlegt wird. Es versteht sich von selbst, dass die tatsächlichen Verbrechen des Nationalsozialismus von niemandem geleugnet werden. Gleichwohl ist die unbestreitbare Tatsache zu erwähnen, dass die von tschechischen Arbeitern getragene Rüstungsindustrie im Protektorat bis zum Kriegsende blühte und – man höre und staune – im Verhältnis weniger Sabotageakte als im Altreich verübt wurden. Auch eine geschickte Politik, die mit der Einführung von Sozialversicherungen Sympathien gewann, trug dazu bei. Die bis zum 8. Mai 1945 geübte Kollaboration schlug dann (sozialmedizinisch leicht verständlich) in haßerfüllte Gewaltorgien eines nachgeholten Widerstandes um.
Welches Unrecht die Vertreibung bedeutete und mit welchen Greueln sie einherging, mußte Prof. Heinisch seinen aus persönlichstem Erleben sachkundigen oder durch die Erfahrungen der Eltern und Großeltern informierten Zuhörern nicht erläutern. Als tragisches Beispiel dafür, wie die Nachkriegsbarbarei alle Menschen deutscher Zunge gleichermaßen erfaßte, erwähnte er den Vater des früheren österreichischen Bundesministers Scholten, der zuvor als Jude nach Theresienstadt deportiert worden war, um dann als Deutscher ebendort inhaftiert zu werden.
Resümmierend hielt Heinisch fest, daß Geschichte „nicht als moderne CD – einseitig bespielbar –, sondern als alte Schellack“ verstanden werden müsse, also immer zwei Seiten habe. Die sudetendeutsche Seite werde aber leider heute nicht aufgelegt. „Es gibt einen Unterschied zwischen Gott und dem modernen Zeithistoriker: Gott kann die Geschichte nicht umschreiben“.
Die schon von Florian Geyer beklagte „deutsche Zwietracht“ sei es, die bis heute eine klare Entgegnung auf tschechische Geschichtsfälschungen verhindere. Solange dies so sei, bleibe es beim „Niemals vergessen!“ der Vertriebenen und aller Aufrechten. Auch wenn Pessimisten ein „quantitatives und – durch gezielte Verdummung – qualitatives Zugrundegehen“ der Deutschen befürchteten, gebe es zum Beharren auf Wahrhaftigkeit und Recht keine Alternative.
Hans-Ulrich Kopp