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Junge Witikonen fuhren ins Egerland
Der im Vorjahr reaktivierte Landesverband Baden-Württemberg unseres Bundes – der die jährlichen „Kaffeekränzchen“ durch monatliche politische Vortragsabende abgelöst und zusätzlich gesellige Veranstaltungen eingeführt hat – konnte das erste Halbjahr 2008 mit einer viertägigen Fahrt ins Egerland krönen. Das Interesse war groß; da das gemietete Ferienhaus nur acht Plätze faßte, mußten leider Anmeldungen abgewiesen werden. Die Witikonen im Alter zwischen Mitte zwanzig und Ende vierzig machten sich unter inhaltlicher Leitung von Kam. Hartmut Heinz mit Privatfahrzeugen auf den Weg (übrigens verleihen alle großen Mietwagenfirmen maximal Mittelklassewagen, da bei teureren Modellen die Diebstahlsgefahr in der Tschechei zu hoch ist). Unterkunft wurde mitten im Walde am Südhang des Erzgebirges, bei der kleinen Siedlung Pechöfen nahe Elbogen (nordwestlich von Karlsbad) genommen, wo Selbstversorgung mit Speisen und Getränken angesagt war. Das Haus erfüllte alle Ansprüche an Sauberkeit und Komfort, wenn sich auch der tschechische Vermieter als schweijkhaft erwies, indem er allerlei merkwürdige „Nebenkosten“, die im Kleingedruckten erwähnt waren, zu einer stattlichen Summe addierte. Zwei Ziele verfolgte die Reise. Zum einen ging es darum, Eindrücke aus erster Hand von einer sudetendeutschen Landschaft zu gewinnen, also das Wissen von der Elternheimat oder auch nur die Kenntnis eines alten deutschen Kulturraumes in seiner heutigen Beschaffenheit zu mehren. Zum anderen wollten sich die Reisenden als traditionsbewußte Deutsche bekennen. Mithin hielten sie an den Grabmalen der Märzgefallenen in Kaaden ein Gedenken ab, ebenso am Grabe Anton Günthers, des 1937 in schwerer Zeit aus dem Leben geschiedenen Dichters des Erzgebirges; hier wurde sein wohl bekanntestes Lied, „’s ist Feierabend“, intoniert. Ein ausgiebig begangener Liederabend, auf dem die studentischen Gesangsbücher der Burschenschaft Danubia München als Textgrundlage dienten, trug zur Verlebendigung hergebrachten Brauchtums bei. Hauptbesichtigungsorte waren Karlsbad, Marienbad und Eger (mit Burg und Stadtmuseum sowie dem Bismarckturm am Grünberg); ferner wurden auf einer Erzgebirgsfahrt die Dörfer Gottesgab und Joachimsthal besucht. Auch die Schönheiten der Natur sind gekostet worden. Besonders eindrucksvoll der Hans-Heiling-Felsen zwischen Elbogen und Karlsbad: mit ihm ist die Sage von Hans Heiling und dem versteinerten Hochzeitszug verbunden, die von Theodor Körner 1811 dichterisch verarbeitet, von den Brüdern Grimm aufgegriffen und von Heinrich Marschner zu seiner Oper „Hans Heiling“ vertont wurde. In Taubrath wurden die von ihrem Bewohner Karel Schmied vorbildlich renovierten Egerländer Fachwerkgehöfte besichtigt. Licht und Schatten lagen, wie wohl nicht anders zu erwarten, nahe beieinander. Einerseits läßt sich sagen: der tschechische „Pavel Normalverbraucher“ hat sich psychisch ein ganzes Stück weiterbewegt. Offene Vorbehalte gegenüber Deutschen sind so gut wie nicht nicht zu spüren, man wird höflich angesprochen, oft auch mit Deutschkenntnissen. Verständlicherweise sind Geschäftsleute und Gastronomen besonders entgegenkommend. Über die großen Restbestände an Vorurteilen, die unter der Oberfläche schlummern, sagt dies allerdings nichts. Während Privatleute kein Problem damit haben, von „Eger“ oder „Franzensbad“ zu sprechen, verwenden offizielle Stellen ausschließlich die tschechischen Ortsnamen in deutschen Texten (wobei sie sich bekanntlich darauf berufen können, daß dies auch deutscherseits vielfach geschieht – die eigentliche Schande). Eindrücklich war eine Begegnung am Marienbader Sprudel, wo wir nach Trinkbechern mit deutscher Ortsbezeichnung fragten. Die städtische Angestellte geriet außer sich und meinte mit lauter Stimme erklären zu müssen: „Dies ist eine tschechische Stadt!“ Ihre Aufregung zeigte aber in verräterischer Weise, daß die Sache einen Pferdefuß hat. Wäre Marienbad so tschechisch, wie sie meinte, hätte sie in ruhigem Ton antworten können; so aber wurde klar, daß sie aus einem schlechten Gewissen heraus die Nerven verlor. Auch das absurde Befreiungsdenkmal im Marienbader Stadtpark, mit dem des Einzugs der US-Truppen gedacht werden soll und an dem nach wie vor Kränze niedergelegt werden, macht deutlich, mit welchen Geschichtsfälschungen zumindest die offizielle Tschechei weiterhin lebt. Ironischerweise vermitteln die Egerländer Bäder jedoch gerade heute einen ausgesprochen untschechischen Eindruck: zwischen russischen, deutschen (inkl. österreichischen), japanischen und vielen anderen Touristen, die das Straßenbild vollständig beherrschen, wirken die wenigen „Einheimischen“, die als Angestellte und Dienstleister in Erscheinung treten, ziemlich verloren. In Karlsbad ist Reklame für Luxusartikel oft einsprachig russisch gehalten, die russisch-orthodoxe Kirche auch an Werktagen gut besucht. Es scheint, das Schicksal habe es nicht vorgesehen, der Stadt den erwünschten tschechischen Charakter zu geben. Eine sehr erfreuliche Entdeckung war es, den von der deutschen Familie Kraus geführten „Egerländer Hof“ als im besten Sinne deutsche Gastwirtschaft im Karlsbader Zentrum, gegenüber dem Sprudel, vorzufinden. Umrahmt von traditioneller, geradezu erstaunlicher Dekoration treffen sich neben den Zufallsgästen sowohl heimatverbliebene Egerländer als auch Vertriebene, die hier eine Oase angestammter Wirtshauskultur vorfinden. Das Haus kann nur empfohlen werden (www.volny.cz/egerlaender). Ein ebenso positives Bild vermittelte in Altkinsberg, hart an der Staatsgrenze, die renovierte Gnadenstätte Maria Loreto, die nicht nur aus Böhmen, sondern ebenso von den jenseits der heutigen Grenze wohnenden oder durchreisenden Deutschen besucht wird und somit in gewisser Weise seinen ursprünglichen Besitzern zurückgegeben wurde. Auch deutsche Messen werden wieder gefeiert. Über das Schicksal des Gebäudes, das nach 1945 verwahrloste und später fast vollständig abbrannte, wird sachgerecht informiert. Hier ist das Geld, das der aus Neukinsberg vertriebene Unternehmer Anton Hart mit dem „Verein zur Erhaltung und Förderung Maria Loreto“ aufbrachte, sinnvoll angelegt (was man nicht immer sagen kann, wenn in manchen Gegenden die aufwendig restaurierten Kirchen ausschließlich „Neusiedlern“ zugute kommen und oft auch noch ihre Geschichte verschwiegen wird.) Insgesamt läßt sich festhalten, daß die allmähliche Annäherung der Tschechen an die Wahrheit (von der sie ja selbst in ihrem Wahlspruch bekunden, daß sie siege) streckenweise weitergeht, obzwar im Schneckentempo. Ob man dies für eine gute Nachricht hält, hängt von der Mentalität des Beurteilers ab, wie ja ein Glas bekanntlich als halb voll oder halb leer angesehen werden kann. Aus witikonischer Sicht bleibt das meiste noch zu tun, es bedarf des langen Atems und einer Politik, die nicht in Wahlperioden, sondern in großen Zeiträumen denkt. Einen Grund, vom großen Ziel abzuweichen – daß Böhmen in Anknüpfung an seine tausendjährige Geschichte auch wieder zur Heimat und Wirkungsstätte der Deutschen werde –, gibt es nicht. Hans-Ulrich Kopp
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